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Kategorie: Aktivitäten
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Straubinger Tagblatt vom 11. April 2019:

Bildschirmfoto 2019 04 11 um 08.17.58Zeit der Stille ist vorbei

Amselfing: Emausgang der Pfarrei Ittling am Ostermontag mit Segensgebete für das erneuerte Kreuz beim Gedenkstein "1200 Jahre Amselfing" sowie alle Menschen, die mit dem restaurierten Harmonium  ihre liturgische Musik "Omnia ad maiorem gloria Dei" widmen

Vor 30 Jahren, Anfang Juli, feierte Amselfing seine erste urkundliche Erwähnung vor 1200 Jahren mit 3 Festtagen: Segnung eines Gedenksteines am Samstag, umrahmt von den 'Aiterhofener Hoagart'nsängern', am Sonntag Festmesse mit Umzug, Festakt mit Ansprachen von Schirmherrn LR Ingo Weiß, Bürgermeister Rohrmeier und dem Festredner Hans Aichner - der in seiner umfangreichen, 100-seitigen Festschrift der politischen Gemeinde Aiterhofen und der "Pfarr Ittling" einen "Mosaikstein ihrer Geschichte und Chronik" schuf, nachmittags dann Gelöbnisfeier der Bundeswehr, und schließlich am Montag Festausklang mit den Windberg-Oberkrainer-Musikanten. An allen Tagen lockte eine Oldtimer-Bulldog-Schau die Gäste aus nah und fern in die "frühe bajuwarische Ansiedlung auf dem Gebiet der Agilolfinger Herzöge schließen", so Hans Aichner.
Im Rahmen dieser damaligen Festschrift veröffentlichte Aichner auch einen Beitrag "300 Jahre Filialgotteshaus St. Stefan". Für unsere Tage ist daraus interessant, dass "bei dem Filial an folgenden Feiertagen Gottesdienst zu verrichten sei: Stefanitag, Kirchweihtag und Oster- und Pfingstmontag." Auch dass in den 60er Jahren die alterschwache Orgel auf der Empore abgebaut wurde und ein entsprechender Ersatz noch nicht zustande gekommen sei. Nach Aussage des derzeitigen Mesners habe bis etwa 2010 ein Harmonium den Gemeindegesang unterstützt, dem jedoch auch der Holzwurm den Garaus gemacht habe.


Nun, 30 Jahren nach dem großen Feste und wohl gut tausend Jahre währenden christlichen Traditionen in Amselfing sorgte schließlich ein Zufall dafür, dass am kommenden Ostermontag, 9.30 Uhr, endlich wieder ein Instrument seinen liturgischen Dienst aufnimmt: Schon dem Sperrmüll geweiht gelangte es in den Keller des Vorsitzenden des Steinacher Schlichtvereins, wurde zerlegt, repariert, wieder zusammengebaut, und: die Zungen singen wieder! Dazu kommt, dass der jetzige Pfarrer von Ittling, Stefan Altschäffel - in Steinach aufgewachsen - auf diesem Instrument sich in den 80er Jahren des Klavierspiel beibrachte und auf Anfrage sofort an seine Filial St. Stephanus in Amselfing dachte. So kehrt also nach einigen orgelstummen Jahrzehnten wieder Orgelklang in die mindestens 300 Jahre alte Barockkirche ein. Und zwar nun mit festlicher Musik, zum Osterfest passend, nämlich der "Messe brève No. 7 in C aux chapelles Soli, Coro SATB, Organo" von Charles Gounod (1818 - 1893). Gounod schrieb die Messe im Alter von 72 Jahren, nur drei Jahre vor seinem Tod. Der große Opernkomponist widmete sich im Alter mehr der Kirchenmusik und schrieb mehrere Messen für kleine Besetzungen. Doch auch in seinen kleineren Werken weht der Geist von großen Opernorchestern und langen Linien, wie es in der Spätromantik üblich war. So will auch diese "Messe brève" mit entsprechend romantischem Gestus interpretiert werden. Man hört hier einen abgeklärten Meister, der sich nichts mehr zu beweisen braucht, sondern, der gerade durch geniale Schlichtheit eine Ausdruckstiefe erschafft, die nur in kleinen Formen möglich ist. Ausführende sind Sabine Trageser - Sopran, Gabriele Krön - Alt, Ossi Betz - Tenor, Franz Schötz - Bass, Franz Schnieringer - Harmonium, ein 'Joseph-Schlicht-Projektchor' - in der Gesamtleitung des Vorsitzenden des Schlichtvereins und Verfasser dieser Zeilen. Die dem Gottesdienst folgende Segnung dient natürlich nicht dem hölzernen Instrument sondern den aktuellen und vielen künftigen Sängern und Musikern in der Filial St. Stephanus.


Vielleicht verstärkt dies alles sogar das Interesse an diesem barocken Kleinod im so fruchtbaren Gäuboden, denn allein die Ausstattung der Kirche ist bemerkenswert: spätgotische Madonna mit Kind, heilige Helena - Mutter des römischen Kaisers Konstantin des Großen und der Überlieferung nach Auffinderin des Kreuzes Christi in Jerusalem, Hl. Rochus mit Pestbeule, welcher der Legende nach auf einer Pilgerfahrt nach Rom vielen Pestkranken half, und schließlich dem Altarbild, das den gesteinigten Stephanus den offenen Himmel schauen lässt.
Vielleicht bietet dieses jüngste Projekt des Kulturfördervereins Joseph Schlicht auch Hinweise, welch positive Stimmung liturgische Musik zu vermitteln vermag, auch ein wenig im Gegensatz zu - wenn auch wertvollen - hölzernen Figuren: Denn die Bildsprache dieser Kunstwerke ist uns Heutigen wohl ziemlich unverständlich geworden, während etwa Gounods Missa brève trotz der lateinischen Sprache, etwa im "Salutaris hostiae" auch des Lateinischen Unkundigen unmittelbar Gottvertrauen oder auch nur Resilenz zu vermitteln vermag, vielleicht ... 

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