Besonders überlieferte Lieder des Volkes, etwa: "Soll i füre fahrn" aus dem rumänischen Banat (Wolfsberg) machen die Probleme der Digitalisierung wie im Brennglas sichtbar. Dieses Lied hat Wolfgang A. Mayer im Jahr 1970 auf einer Feldforschungsreise nach Wolfsberg aufgezeichnet und vom Tonband transscripiert:

OriginalTransscriptionKopfzeile

Mit Klick auf die Grafik gibt es das ganze Liedblatt

und - hoffentlich - demnächst die Originalaufnahme ...

Dieses Lied wurde für den Steinacher Singkreis mit Finale in 'lesbares' Format und hier in die Originaltonart transponiert:

Soll i fure fahrn nachWAMayerKopfzeile

Für den Steinacher Singkreis - das Ganze wieder mit Klick - wurden diese Noten mit 3 Oboen und Bassoon zum Kingen gebracht:

Hier noch der Gesamtsatz mit Klavier und hervorgehobener Melodie, auch Klavierstimme:

Und genau da beginnen die Probleme:

  1. Der originale Klang mit der Banater Singweise ist 50 Jahre später in niederbayerischen Bayern - nicht zu realisieren, natürlich auch nicht mit digitalen Klängen.
  2. Die hohe Sopranlage der ersten Überstimme über der Melodie im Alt 1 ist zB in Chören vom gesamten Sopran nicht zu verwirklichen.
  3. Die im Original erreichte Vierstimmigkeit ist für die heute gewohnte vierstimmige Besetzung nicht zu machen.
  4. Für die digitale Verbreitung des Liedes - ohne Rückgriff auf vorbildliche Aufnahme zB bei "LAUTER LIABSTE LIADER" - steht in aller Regel keine entsprechende Aufnahme zur Verfügung.
  5. Schließlich ist es sehr zu überlegen, mit welchen digitalen Instrumenten die einzelnen Stimmen einigermaßen einer Singstimme nahe kommend verwirklicht werden können.
  6. Schließlich: Wie beurteilen heutige Menschen - ausgehend von ihrer musikalischen Sozialisation - die unterschiedlichen Sätze, ohne die für das konkrete Lied vorliegende Singsituation zu kennen?

zu 1. Für diese Problematik gilt: Die Volksmusik muss nicht einer 'historischen Aufführungspraxis' hinterher hecheln.
zu 2. Dieses Problem lässt sich oft auch nicht durch Transposition des Liedes in besser liegende Tonart lösen. So veröffentlichte Wolfi Mayer das Lied in C, also für den Sopran nochmals einen Halb-Ton höher bis zum zweigestrichenen f''.
zu 3. Das Problem des f'' für den Sopran wurde für den Steinacher Singkreis durch eine zweite Überstimme im Tenor gelöst:
SollIFuereFahrnKopfzeileSingkreisSextAkkord

                     Also durch die erste Umkehrung etwa des G-Akkords der fünften Stufe in einen Sextakkord ^.

zu 4: Für dieses Lied gibt es aber ein hervorragende Aufnahme, allerdings eben für einen sehr guten "Viergesang":

In diesem engen dreistimmigen Satz oktaviert der Tenor die dritte Stimme:

Die mp3-Datei der CD-Aufnahme LLL:

Die mp3-Dateien der hervorgehobenen Einzelstimmen:

S: A:

T: B:

zu 5: Also, soll man Doppelblattinstrumente wählen, welche der menschlichen Stimme doch sehr nahe kommen, oder doch die klarere Klavierstimme? Chor-Aahs und Chor-Oohs kommen mE nicht in Frage! Dann kommt noch eine dem LIEDER-Projekt sehr wichtige Überlegung dazu, nämlich dass Chorleiter*Innen ruhig den Mut aufbringen dürfen, in einem eigenen Satz den Textinhalt zum Ausdruck zu bringen. Hier singt - nein: schreit - wohl ein Mann seine Verzweiflung über die politischen Zustände - Böhmerwäldler Aussiedler des 19. Jahrhunderts im kommunistischen Rumänien - und seine persönliche Situation - "weil mi s'Deandl nimma mehr mog" - in die Welt hinaus. Und dies darf oder sogar muss man dann einem guten - sofern man ihn hat (Oskar B.) - auf den Leib schreiben. Das kann das English Horn wirklich gut ausdrücken:

T (Englishorn):

Hier der ganze Satz für den Steinacher Singkreis: Link

Dass hier für den Tenor als Instrumentalstimme das English Horn gewählt wurde ist Ergebnis langen Ausprobierens. Dabei hat sich ergeben, dass für die Frauenstimmen Oboen sehr gut geeignet sind, für den Tenor eben das English Horn und für den Bass das Fagott oder Bassoon:

SATB:

Das Ganze mit allen im LIEDER-Projekt-Modus hervorgehobenen Einzelstimmen gibt es hier, auch mit probenweiser Posaune für die Tenorstimme.

S: A:

T (Englishorn): T (Posaune): B:

Dieses 'Probieren' anderer Auswahl der Instrumente führte schließlich zu einem Instrumentalsatz des Liedes:

Oboe in C, Klarinette in B, English Horn in F und Fagott in C:

Soll i fuere fahrnHolzblaeserKopfzeile

Das klingt dann so:

Hier die Partitur als pdf-Datei.

zu 6: Insgesamt sind dazu 5 oder 6 Menschen verschiedenster musikalischer Sozialisation befragt worden, und es ergaben sich 7 Meinungen. Dreimal wurde betont, dass für den Satz eines Volksliedes die strengen Vorgaben klassischer Satzlehre nicht gelten können, dass der Satz auf die jeweils vorgefundene Singsituation angepasst werden muss, dass eine Orientierung am Text schon zu empfehlen sei.
Für die konkrete Singsituation möge gelten, dass alsbald wieder gemeinsames Singen möglich sein solle. Dass aber die elektronischen Übestimmen, welche inzwischen ja auch viele Verlage zu ihren Notenausgaben anbieten, dem Laien-Chor-Singen erhalten bleiben werden.