Soll i füre fahr'n - so fahr i arschlings

Besonders überlieferte Lieder des Volkes, etwa: "Soll i füre fahrn" aus dem rumänischen Banat (Wolfsberg) machen Probleme der Digitalisierung wie im Brennglas sichtbar. Dieses Lied hat Wolfgang A. Mayer im Jahr 1970 auf einer Feldforschungsreise nach Wolfsberg aufgezeichnet und vom Tonband transscripiert:

Das Original:

OriginalTransscriptionKopfzeile

Mit Klick auf die Grafik gibt es das ganze Liedblatt

Und hier auch die Originalaufnahme, welche Wolfi Mayer 1970 in Wolfsberg gemacht hat. Die Überlassung der digitalen Fassung verdankt das LIEDER-Projekt einem gewissen Josef Roider, welcher mal eine ganze Zeit in Steinach gewohnt hat. Bayernweit ist er bekannt geworden - und  2014 mit dem Nordgaupreis des Oberpfälzer Kulturbundes geehrt - mit seiner umfassenden Darstellung von "Musik, Tanz und Bräuche im Bayerischen Wald, dargestellt am Beispiel der Sommerauer Musikanten im Lohberger Winkel" - Link.

Hier also die Wolfsberger Sänger Maria Suter, Barbara Richer, Anna Bierl, Johann Richer und Robert Richer:

Satz des Steinacher Singkreises

Dieses Lied wurde für den Steinacher Singkreis mit Finale in 'lesbares' Format und hier in die Originaltonart transponiert:

Soll i fure fahrn nachWAMayerKopfzeile

Für den Steinacher Singkreis - das Ganze wieder mit Klick - wurden diese Noten mit 3 Oboen und Bassoon zum Kingen gebracht:

Hier noch der Gesamtsatz mit Klavier und hervorgehobener Melodie, auch Klavierstimme:

Problembeschreibung und Lösungsansätze

Und genau da beginnen die Probleme:

  1. Der originale Klang mit der Banater Singweise ist 50 Jahre später in niederbayerischen Bayern - nicht zu realisieren, natürlich auch nicht mit digitalen Klängen.
  2. Die hohe Sopranlage der ersten Überstimme mit fis'' über der Melodie des Alt 1 ist zB in Chören vom gesamten Sopran nicht zu verwirklichen.
  3. Die im Original erreichte Vierstimmigkeit ist für die heute gewohnte vierstimmige Besetzung nicht zu machen.
  4. Für die digitale Verbreitung des Liedes - ohne Rückgriff auf vorbildliche Aufnahme zB bei "LAUTER LIABSTE LIADER" - steht in aller Regel keine entsprechende Aufnahme zur Verfügung.
  5. Schließlich ist es sehr zu überlegen, mit welchen digitalen Instrumenten die einzelnen Stimmen einigermaßen einer Singstimme nahe kommend verwirklicht werden können.
  6. Schließlich: Wie beurteilen heutige Menschen - ausgehend von ihrer musikalischen Sozialisation - die unterschiedlichen Sätze, ohne die für das konkrete Lied vorliegende Singsituation zu kennen?

zu 1. Für diese Problematik gilt: Die Volksmusik muss nicht einer 'historischen Aufführungspraxis' hinterher hecheln.
zu 2. Dieses Problem lässt sich oft auch nicht durch Transposition des Liedes in besser liegende Tonart lösen. So veröffentlichte Wolfi Mayer das Lied in C, also für den Sopran nochmals einen Halb-Ton höher bis zum zweigestrichenen g''.
zu 3. Das Problem des fis'' im Originalklang für den Sopran - also g'' in C - wurde für den Steinacher Singkreis durch eine zweite Überstimme im Tenor gelöst:
SollIFuereFahrnKopfzeileSingkreisSextAkkord

       Also durch die erste Umkehrung etwa des G-Akkords der fünften Stufe in einen Sextakkord ^ in der Tenorstimme.

SATB:

Hier der ganze Satz für den Steinacher Singkreis: Link mit English Horn = TenorStimme!
(Habe darüber mit dem Star-Tenor des Singkreises gesprochen: "So etwa habe ich das gesungen!")

zu 4: Für dieses Lied gibt es aber ein hervorragende Aufnahme, allerdings eben für einen sehr guten "Viergesang":

"Soll i füre fahrn" auf "Lauter Liabste Lieder":

In diesem engen dreistimmigen Satz oktaviert der Tenor die dritte Stimme:

Die mp3-Datei der CD-Aufnahme LLL:

Die mp3-Dateien der hervorgehobenen Einzelstimmen:

S: A:

T: B:

Auswahl digitaler Klänge

zu 5: Also, soll man Doppelblattinstrumente wählen, welche der menschlichen Stimme doch sehr nahe kommen, oder doch die klarere Klavierstimme? Chor-Aahs und Chor-Oohs kommen mE nicht in Frage! Dann kommt noch eine dem LIEDER-Projekt sehr wichtige Überlegung dazu, nämlich dass Chorleiter*Innen ruhig den Mut aufbringen dürfen, in einem eigenen Satz den Textinhalt zum Ausdruck zu bringen. Hier singt - nein: schreit - wohl ein Mann seine Verzweiflung über die politischen Zustände - Böhmerwäldler Aussiedler des 19. Jahrhunderts im kommunistischen Rumänien - und seine persönliche Situation - "weil mi s'Deandl nimma mehr mog" - in die Welt hinaus. Und dies darf oder sogar muss man dann einem guten - sofern man ihn hat (Oskar B.) - auf den Leib schreiben. Das kann das English Horn wirklich gut ausdrücken:

T (Englishorn):

Hier der ganze Satz für den Steinacher Singkreis: Link

Dass hier für den Tenor als Instrumentalstimme das English Horn gewählt wurde ist Ergebnis langen Ausprobierens. Dabei hat sich ergeben, dass für die Frauenstimmen Oboen sehr gut geeignet sind, für den Tenor eben das English Horn und für den Bass das Fagott oder Bassoon:

SATB:

Das Ganze mit allen im LIEDER-Projekt-Modus hervorgehobenen Einzelstimmen gibt es hier, auch mit probenweiser Posaune für die Tenorstimme.

S: A:

T (Englishorn): T (Posaune): B:

Dieses 'Probieren' anderer Auswahl der Instrumente führte schließlich zu einem Instrumentalsatz des Liedes:

Bläserquartett: Oboe in C, Klarinette in B, English Horn in F und Fagott in C:

Soll i fuere fahrnHolzblaeserKopfzeile

Das klingt dann so:

Hier die Partitur als pdf-Datei.

Zusammenfassung:

zu 6: Insgesamt sind dazu 5 oder 6 Menschen verschiedenster musikalischer Sozialisation befragt worden, und es ergaben sich 7 Meinungen. Dreimal wurde betont, dass für den Satz eines Volksliedes die strengen Vorgaben klassischer Satzlehre nicht gelten können, dass der Satz auf die jeweils vorgefundene Singsituation angepasst werden muss, dass eine Orientierung am Text schon zu empfehlen sei.
Für die konkrete Singsituation möge gelten, dass alsbald wieder gemeinsames Singen möglich sein solle. Dass aber die elektronischen Übestimmen, welche inzwischen ja auch viele Verlage zu ihren Notenausgaben anbieten, dem Laien-Chor-Singen erhalten bleiben werden.